Heute vor ein paar Jahren war das Wetter auch den ganzen Tag nur so mittel. Echten Schnee gab es auch nicht, doch dafür hatte ich dann Stress mit der Staatsgewalt. Mein Kumpel Bukowski musste zu einer Dichterlesung ins Frankfurter Gallusviertel. Er fragte, ob ich mit dahin gehe, ich sagte, Gallusviertel, das ist schon mal per se ein Witz, aber, na ja, wir sind alte Freunde.
Man versprach uns fünfzig Prozent Rabatt aufs Essen, das machte es angenehmer, wir mussten dafür aber am Ende einen zweiseitigen Fragebogen ausfüllen, das war ziemlich nervig. Da gab es allerlei Felder zum ankreuzen: wie einem das Essen geschmeckt habe; die Qualität der Bedienung durfte ich auch beurteilen, und den Wein. „Der hat mich milde gestimmt“, habe ich dann geschrieben, und mir verkniffen, in dem Bereich „weitere Anmerkungen“ näher zu beschreiben, wie ich fast ums Leben gekommen wäre, weil die Scholle so viele kleine, aber erstaunlich drahtige Gräten enthielt. Ich weiß ja auch nicht, was die Parteifuzzis sich dabei gedacht haben. Das war kein Essen, das war gar nichts. Bukowski schrieb nichts, er malte in jedes der Kästchen einen Penis. Mal einen kleinen Penis, mal einen großen Penis oder auch nur einen Sack mit Haaren. Ich sagte, Dirty, das kannst du besser.
Dann kam der Parteivorsitzende, der die ganze Show veranstaltete, für seine Parteifreunde und auch für seine Frau, so wie er sie die ganze Zeit über ansah. Hübsch war sie, keine Frage, ein wenig alt vielleicht, aber Dirty war’s egal, er hatte schon gehörig einen sitzen. Ach so, das sollte ich vielleicht noch erwähnt haben: Das Ganze fand in einer demokratischen Parteizentrale statt.
Dirty las und kaum war es vorbei, baggerte er auch prompt die Frau vom Parteivorsitzenden an, er war ja schon dicht, als wir hinkamen. Das wurde beim Essen nicht besser und beim Lesen erst recht nicht. Er baggerte wie ein Weltmeister und die Alte hatte scheinbar nichts gegen, ich meine, er kann ja auch charmant sein. Dieser Parteimensch jedoch, ein humorloser Typ, der war so gar nicht charmant. Er rief seinen Türsteher, einen riesigen Affen ohne Haare. Der rempelt meinen Kumpel so unglücklich an, dass er selbst hinfiel. Dirty hat kaum was gemacht, wirklich, das schwöre ich. Ich wollte diese Parteimenschen alle etwas besänftigen und fasse einen davon unglücklicherweise so bei der Schulter, dass er ebenfalls sehr unglücklich hinfiel, ich konnte es kaum fassen. Im Publikum waren natürlich ein paar Hysteriker, so wie immer, die die Bullen riefen.
Die sackten uns gleich ein. Dirty wurde erst an eine Wand genagelt und mir, wie das Leben eben oft spielt, lief ein Bulle direkt vor die Faust. Mit dem Kinn. Er duckte sich extra so, dass das Kinn exakt an der Faust landete. Man könnte schon durchaus sagen, da war Arglist im Spiel. Meine Faust tat jedenfalls höllisch weh. Aber gekümmert hat sich kein Mensch darum, wegen des Bullen allerdings, da musste gleich ein Krankenwagen kommen, verrückte Welt. Der Parteimensch riet mir noch im Vorbeigehen, dass ich ja noch viel zu lernen habe, da konnte ich nicht anders und verpasste ihm eins auf die Nase. Absichtlich mit meiner Schuhsohle, das schwöre ich.
Auf der Wache wollte man von uns beiden wissen, was denn genau passiert sei und wie wir auf die bescheuerte Idee kamen, überhaupt so nen Quatsch zu starten. Dirty grinste und erzählte dem Wachtmeister, dass er sonst nichts besseres zu tun habe. Das sei ja jedes Jahr die gleiche Leier. Saufen, essen, Geschenke, er sei ja eher für Auge um Auge und Zahn um Zahn. Dann erzählte er dem Wachtmeister eine Geschichte, weil dieser unbedingt eine von ihm hören wollte. Also, begann er, da sind zwei konkurierende Brüder. Der Kain ist Augenarzt und Raucher, und der Abel, Nichtraucher, ist Zahnarzt. Abel ist aber viel beliebter beim Papa, der Rauchen Scheiße findet. Papa hat eine Bonbonfabrik und versorgt den Zahnarzt immer mit Kariespatienten. Der Vorschlag von Kain, die Bonbons in so grelles Papier zu verpacken, dass die Leute schlechte Augen davon bekommen, lehnt der Vater ab. Daraufhin fühlt Kain sich ungeliebt und zurückgesetzt und erschlägt den Abel, der dann eilig als Geist zurückkehrt. Als Vater, Sohn und eiliger Geist gründen die drei dann eine Sekte auf Basis zusammengestückelter Bibelstellen. Der Vater verkauft Ablasssüßigkeiten, der Sohn heilt weiter die Kranken und der eilige Geist bröselt Camel-Zigarettentabak durch Nadelöhre und will damit beweisen, dass man auch als Raucher in den Himmel kommen kann.
Der Wachtmeister lachte und am nächsten Morgen kamen wir sogar gegen Kaution wieder frei. Dirty zahlte, ich meine, genug Asche hat er ja. Sie verlangten zwar so einige Euros, doch die zog er in bar aus der Gesäßtasche, was verwirrte Blicke zur Folge hatte. Dumm war nur die Sache mit den Tütchen. Er drückte sie, als gerade die Bullen anrückten, noch der Frau vom Parteivorsitzenden in die Hand und sagte ihr, sie solle gut darauf aufpassen. Inzwischen wissen wir, dass sie sie in die Zuckerdose entleert hat. Ich sag mal so: Das waren jetzt 200, einfach so für null weggeschmissen. Ich befürchtete, Dirty müsse in nächster Zeit ein bisschen ranklotzen, um das wettzumachen. Aber er sagte, egal was kommt – nie wieder macht er eine Dichterlesung im Gallusviertel. Und schon gar nicht für irgendeine Partei. „Politik ist total scheiße“, bellte er. Ja, Knastluft macht so elend blass, obschon ich sonst gar nichts gegen so ein bisschen vornehm-intellektuelle Blässe habe. Aber man muss ja nicht gleich aussehen, als wäre man durch den Abwasserkanal der Kalkfabrik geschwommen. Jetzt muss ich mich jeden Tag ‘ne Stunde vor die Proll-Röhre setzen, um wenigstens wieder ein bisschen Farbe zu kriegen. Total scheiße.