Wo die Liebe hinfällt
In seinem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ erzählt Mario Vargas Llosa wie er endgültig seiner Berufung zum Schriftsteller bewusst wird und wie er zugleich, in einem Akt der Auflehnung gegen seine Familie, die Heirat mit seiner um 14 Jahre älteren, geschiedenen Tante Julia durchsetzt. Dass da Ärger vorprogrammiert ist, dürfte wohl jedem klar sein, doch hinter der scheinbar belanglos-unterhaltsam erzählten Liebesgeschichte zwischen dem jungen Vargas Llosa und seiner Tante Julia entwickelt der Roman sein eigentliches Thema: Es geht um das Wechselverhältnis von Leben und Kunst, um die angemessene Haltung des Romanschriftstellers und um die Bedingungen, die ihm in einem Land wie Peru geboten werden.
Dabei wird in den ungeradzahligen Kapiteln seine Entwicklung zum erwachsenen Mann und dazu die Entwicklung zu einem Schriftsteller, der er immer sein wollte, geschildert und in den geradzahligen Kapiteln werden voneinander unabhängige, in sich geschlossene Hörspiele in Kurzgeschichtenmanier erzählt. Diese Kurzgeschichten werden vom Lohnschreiber Pedro Camacho scheinbar mühelos und wie am Fließband produziert, womit er dem jungen Möchtegern-Schriftsteller Marito zum Vorbild wird. Schriftsteller, so wird sich der junge Marito klar, kann nur sein, wer keine Grenzen zwischen Leben und Literatur zieht, wer alle Wirkliche als Stoff für den Roman heranzuziehen und in souveräner Distanz zu verarbeiten versteht, denn das Anfertigen von Texten, deren wichtigster Zweck darin besteht, möglichst viele Außenstehende zum Lesen einzuladen und, ja, das vor allem, zu unterhalten im besten Sinne, erfordert nämlich immer eine gewisse Distanz; vor allem dann, wenn es um autobiografisches Schreiben geht. Ein Lesevergnügen der Extraklasse!
Gefällt mir:
Dieser Eintrag wurde am Februar 16, 2009 um 9:46 pm erstellt und unter Wunder-Bar mit den Tags Familie, Liebe, Peru abgelegt. Du kannst die Antworten auf diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst ans Ende springen und einen Kommentar schreiben. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.