Es lebe der Schreibsport
Gestern war ich bei Hugendubel. Ich bin auch nur ganz zufällig dort vorbei gekommen, hatte aber Glück, denn vor dem Regal mit den Neuigkeiten stand niemand, da konnte ich mir ganz frank und frei die neuen Bücher aus dem Regal ziehen, um mal in Ruhe zu gucken. Nur an der Kasse, da ging es fürs Erste nicht weiter. Hinter mir stand eine Frau mit einem gebatikten Halstuch und einer Brosche, die einen Stapel Bücher in den Händen hielt. Ich war gespannt, was sie so las: „Sorge dich nicht, lebe“ von Dale Carnegie. Oder „Im Einklang mit mir und der Welt“. „Yin und Yang im Wohnbereich“. Und dann noch „Die sieben Chakren“ von – ich hab´s vergessen.
Gelangweilt wendete ich mich wieder ab, da sprach sie mich an, bei meinem Namen, und es stellte sich heraus, dass es meine ehemalige Kunstlehrerin aus der Mittelstufe war. Anfangs war ich sogar erfreut, doch dann erinnerte ich mich schnell an die miesen Noten, die sie mir gab und beantwortete ihre Fragen nur knapp. Sie wunderte sich, wie sehr ich mich doch verändert habe und war erstaunt, dass ich dieses und jenes tat. Sie nickte anerkennend und empfahl mir dann „I Ging und seine Bedeutung für den Gleichklang der Geschlechter“, einfach so, ungefragt. Das könne sie sehr empfehlen, sagte sie wieder, denn seit sie das gelesen haben, meditieren ihr Mann und sie immer gemeinsam. Ich wusste gar nicht, was ich sagen soll, da erzählte sie mir, dass sie nun nicht mehr als Kunstlehrerin arbeite, sondern sich ganz dem Schreiben widme.
„Ich schreibe.“
Ich fragte sie, was sie denn so schreibe, weil ich immer noch nicht an der Reihe war mit dem Zahlen und ich ja ein höflicher Mensch bin. Ihre Augen glänzten, während sie mir von ersten zaghaften Versuchen berichtete und auch von einem Schreibcoach schwärmte, der Unglaubliches vollbringt, nicht allzu teuer ist, dem Energiearbeit nicht fremd ist und wo sie regelmäßig ein fertiges Kapitel hinschicken kann. Sie wollte ja schon immer einen esoterisch angehauchten Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform schreiben, ganz egal wie, sie sehe das sportlich, meinte sie.
Es lebe der Schreibsport! Da nickte sie zufrieden. Der kommt hier nur irgendwie zu kurz, unterbrach ich sie. Da schaute sie verdutzt. Natürlich meine ich Gesamtheit sprachsportlicher Aktivitäten. Da wusste sie nicht, was sie dazu sagen sollte. Wer kennt sie nicht, die Größen des Sports? Meine ehemalige Kunstlehrerin kannte sie nicht und zuckte mit den Schultern. Wer hat nicht mehr die glorreichen Siege vor Augen? Meine ehemalige Kunstlehrerin hatte außer Fragezeichen gar nichts mehr vor Augen. Ich erinnerte sie also an die 4 x 100-Wörter-Staffel von 1960. Nach all den schweren Jahren wieder Gold für Deutschland! Und das in dieser Disziplin! Und dann noch in Rom! Oder an die legendären 10,4 Sekunden von Moritz Sülzmann im Fünfzeilerwettbewerb der Herren. Was haben die, eigentlich ja favorisierten, Japaner damals blass ausgesehen im Halbfinale. Als der große Favorit gehandelt, mussten sie sich mit einem blamablen vierten Platz bescheiden und sich folgerichtig bei ihrer Rückkehr nach Tokio öffentlich in ihre Füllfederhalter stürzten. Die Welt rieb sich verwundert die Augen und wir, ja wir waren wieder wer. Apropos Tokio: Ich erinnerte sie an Barcelona. Keine Ahnung? Die Paralympics von 1992? An den sensationellen Gold- und Silberdoppelschlag unserer Kampflispler, die sich in der Disziplin 50 Silben unsterblich machten? Unvergesslich. Und dann auch noch kniend! Meine persönliche Sternstunde war aber der Goldtriumph unseres Kunststotterers Hebelwart Müller-Rüttmilowitz im Reißen über 20 Sätze. Geschlagene drei Tage hat die ganze Nation gezittert, bis der Ringarzt endlich beherzt eingriff und mit einem Stoß Kortisonspray das unwürdige Schauspiel des Halbfinales beendete und den blau angelaufenen und sichtlich angeschlagenen Ungarn Puskasz den wartenden Logopäden überantwortete. Meine ehemalige Kunstlehrerin war augenscheinlich überfordert, nickte aber schnell zustimmend und fragte mich ob ich das mal lesen wolle, was sie so schreibe.
Nein. Einen Lebenshilfe-Ratgeber schreiben zu wollen ist schlimm.
Einen Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform schreiben zu wollen ist noch schlimmer.
Einen esoterisch angehauchten Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform schreiben zu wollen ist so schlimm, dass mir die passende Vokabel fehlt.
Das sagte ich ihr und riet ihr spazieren zu gehen, an der frischen Luft, weiter zu malen, die Kinder zu hüten, falls sie welche habe, die Kinder der Nachbarin zu hüten, falls die welche haben, sich für soziale Projekte in der Dritten Welt zu engagieren, einen Orang in Burma zu adoptieren, was eigentlich gar nicht so teuer ist und wenn es gar nicht anders ginge, irgendetwas zu schreiben, wenn sie denn der Meinung sei, es zu müssen und gegen diesen fatalen Drang nicht ankommen könne, aber dann vorzugsweise in ihr Tagebuch, an ihre Schlafzimmerwand, auf die Badezimmerkacheln oder hinter die Ohren, ganz wie sie möchte.
Ich bat sie, nicht das zu schreiben, was ihr da vorschwebt, und sie musste mir versprechen, fortan niemanden mehr mit diesem Vorhaben zu behelligen, weil sich nicht nur sämtliche Schreibathleten von damals im Grabe herum drehen würden, nein, auch und vor allem weil das Abschreckungspotential gegenüber jedem Menschen mit einem halbwegs klarem Verstand einfach zu groß ist.
„Versprochen?“
Sie sah mich eine Weile stumm und mit ernstem Gesichtsausdruck an. Dann sagte sie, ich hätte mich so gar nicht verändert und sei immer noch der gleiche unverschämte Bengel von früher, der…
Ich bezahlte mein Buch.
„Neun fünfzig“, sagte die Kassiererin kurz.
Draußen war es bitter kalt.
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Dieser Eintrag wurde am Mai 14, 2010 um 6:21 am erstellt und unter Text-Bar mit den Tags Schreiben, Sport abgelegt. Du kannst die Antworten auf diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst antworten oder einen Trackback Deiner eigenen Seite veranlassen.